Hegels entwickelt in der Phänomenologie des Geistes eine kritische Analyse der bürgerlichen Öffentlichkeit. Wie Fredric Jameson bemerkt, kommt diese Analyse der idealisierten aufklärerischen Öffentlichkeit von Jürgen Habermas aus dessen Buch Der Strukturwandel der Öffentlichkeit sehr nahe.
Aber Hegel war kein Aufklärer. In die Endphase der Aufklärung geboren, machte er zwar zunächst die Verwirklichung ihrer radikalen Impulse zu seinem eigenen Projekt. Doch Hegel markiert zugleich das Ende der Aufklärung, weil er nicht zuletzt aufgrund des Verlaufs und des Scheiterns der Französischen Revolution zu einer deutlichen Kritik an der bürgerlichen Öffentlichkeit findet.
In der Phänomenologie des Geistes behandelt Hegel die Öffentlichkeit im Kapitel „Die Bildung und ihr Reich der Wirklichkeit“. Zwar fällt dort der Name „Öffentlichkeit“ nicht, sondern Hegel nennt diese dort die „Sprache in ihrer eigentümlichen Bedeutung“. Doch diese Sprache als Sprache, in der es rein um das Sprechen als solches geht – ist ja eben die Öffentlichkeit. Außerdem hat sie dieselbe Struktur wie die Öffentlichkeit aus Hegels Rechtsphilosophie (die dort allerdings nur eine untergeordnete Rolle spielt). Und auch Habermas rezipiert Hegels Sprachbegriff für seine Kommunikationstheorie (allerdings aus einer Vorarbeit Hegels zur Phänomenologie des Geistes).
Die „Sprache in ihrer eigentümlichen Bedeutung“ – also die Öffentlichkeit – ist das organisierende Zentrum dieses Kapitels „Die Bildung und ihr Reich der Wirklichkeit“. Sie gleich in der Tat Habermas‘ idealsierter Öffentlichkeit: Die Standesunterschiede und die Partikularität der Individuen sind hier aufgehoben, mit der Sprache „in ihrer eigentümlichen Bedeutung“ wird hier eine Sphäre konstituiert, in der jedes Individuum als dieses Individuum und zugleich als allgemeines besteht. Sie ist ein idealer Raum, weil sie im „Reich der Wirklichkeit“ – das nach Hegel von Entfremdung, Egoismus und Zerrissenheit geprägt ist – eine geistige Einheit und Vermittlung der Individuen begründet, in der Sprechen die Kraft des Handelns erhält.
In der Sprache erhält der Geist, wie Hegel formuliert, Wirklichkeit: : „Ich, das sich ausspricht, ist vernommen; es ist eine Ansteckung, worin es unmittelbar in die Einheit mit denen, für welche es da ist, übergegangen und allgemeines Selbstbewußtsein ist.“
Hegel behandelt die Öffentlichkeit im Rahmen einer komplexen gesellschafts- und kulturtheoretischen Analyse, in der sie als Vermittlung voneinander entfremdeter Individuen einerseits, voneinander entfremdeter soziokultureller Milieus (Hegel: „Massen“) andererseits entfaltet wird. Hegels Begriffe für diese Milieus sind etwas veraltete, in heutiger Sprache wären sie etwa als Staatsangestellte/Bürger und Unternehmer/abhängig Beschäftigte zu übersetzen.
Hierbei bringt Hegel durchaus eine deutliche Kritik zum Ausdruck, insofern er die Verhältnisse dieser Milieus als kulturelle Herr/Knecht-Verhältnisse darstellt: namentlich politische Herrschaft und Klassismus. In der Gemeinschaft der „niederträchtigen Empörung“ und der Armut konstituiert sich der Pöbel, dessen Teilhabe an der Öffentlichkeit zumindest infragesteht, oder der nur so in der Öffentlichkeit auftritt, dass er in seiner Empörung gegen die Politik und in seiner Undankbarkeit gegen die Reichen gezeigt wird – um sich wieder unterzuordnen.
Hegel verfolgt außerdem eine interne Dialektik der Öffentlichkeit: Ihrem Sprechen als Sprechen eignet das Moment einer Loslösung von der Wirklichkeit. In diesem Verlauf wird die Öffentlichkeit zu einer endlosen Kette von geistreichen Bemerkungen und Parodien, in denen es schließlich nur mehr um diese selbst geht. Hegel stellt hier den Topos der Welt als Theater, als Komödie dar, in der es schließlich nur mehr um das Theaterspiel als solches geht. Diese Welt als Theater behauptet er aber nicht einfach kulturpessimistisch, sondern leitet sie dialektisch aus den Widersprüchen der bürgerlichen Öffentlichkeit ab.
Schließlich bindet Hegel die Öffentlichkeit in eine dialektische Bildungstheorie ein, die im Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft vorgeht. Bildung erscheint hierbei als Voraussetzung für die Teilhabe an der Öffentlichkeit. Bildung befähigt zum Urteil über Gut und Schlecht, und ermöglicht insofern die kollektive Deliberation in der Öffentlichkeit, hat aber eben auch die Voraussetzung individuell gelungener Bildungsverläufe.
Man könnte von hier weitergehen und die Öffentlichkeit in ihr systemisches Verhältnis mit anderen gesellschaftlichen Sphären wie Familie/Geschlecht und der Logik Kämpfe aus anderen Kapiteln der Phänomenologie des Geistes setzen. Damit könnte zum Beispiel auch die strukturelle männliche Konnotierung der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihre sexistische Ausgrenzung weiblich gelabelter Identitäten und Wahrnehmungsformen herausgearbeitet. Da Hegel dies gut findet, müsste das in der Kritik Hegels geschehen.
Resümee: Mit Hegel Theorie der bürgerlichen Öffentlichkeit lässt sich Habermas‘ Ideal zugleich aus ihrer Konstitution aus den vielfachen Entfremdungsformen der bürgerlichen Wirklichkeit erklären und zugleich in ihrer Realität im Verhältnis als Teil dieser bürgerlichen Wirklichkeit kritisch analysieren.