Horkheimer und Althusser

Max Horkheimer wird heute oft nur mehr über seine Direktorenrolle am Institut für Sozialforschung sowie über die Dialektik der Aufklärung rezipiert, weil er diese mit Adorno zusammen verfasst hatte. Dabei sind seine zahlreichen, aber kaum gelesenen Aufsätze aus den 1930er Jahren in vielerlei Hinsicht von hervorragendem Interesse. Nicht zuletzt nehmen sie die kritische Marx-Interpretationen der 1960er Jahre wie die Louis Althussers vorweg, die heute als Standard gelten.

In den Aufsätzen der 1930er Jahre entwickelt Horkheimer Idee und Programmatik der Kritischen Theorie und konkretisiert sie in ausgewählten Analysen. Horkheimer geht dabei zwar von den hegelmarxistischen Grundlagenarbeiten von Lukács und Korsch von 1923 aus, aber sein Ansatz ist ihnen gegenüber radikal avanciert und greift im Grunde weit über seine Zeit hinaus, da sich seine Methodik erst lange nach 1945 durchsetzt.

Diese Modernisierung betrifft zum einen den systematischen Einbezug der Ergebnisse bürgerlicher Wissenschaft und der Methoden empirischer Sozialforschung, beide auf dem damals fortgeschrittensten Stand.

Zum andern legt Horkheimer seinen Überlegungen eine kritische Marx-Lektüre zugrunde, die man sonst eher aus den 1960er Jahren kennt, von Althusser und seinen Schülern oder der ‚Neuen Marx-Lektüre‘ und sich etwa seit den 1990er Jahren als Standard durchgesetzt haben. Er geht in seiner Marx-Lektüre ganz selbstverständlich vom Kapital und der Kritik der politischen Ökonomie aus. Horkheimer verstand „Marx und Engels stets schon wesentlich als Kritiker der politischen Ökonomie“ und nimmt „einige wissenschaftslogische Fragestellungen vorweg, wie sie in den ‚strukturalistischen‘ Interpretationen des Marxschen Kapitals der Pariser Althusser-Schule aufgetreten sind“. (Alfred Schmidt)

Er präsentiert seine kritische Marx-Lektüre allerdings nicht konzentriert oder in einschlägigen Abhandlungen über Marx, sondern setzt sie in seinen vielfältigen Untersuchungen als gleichsam selbstverständlich voraus. Sie erscheint in seinen Texten daher eher „en passant“, als Argument in gesellschaftstheoretischen Überlegungen, und kann daher leicht unterschätzt werden.

In dieser kritischen Marx-Lektüre geht Horkheimer nicht mehr wie Korsch und Lukács von dem Konstrukt eines Historischen Materialismus aus, das Marx eher durch Engels‘ Brille rezipiert, sondern systematisch vom Kapital als dem wissenschaftlichen Hauptwerk von Marx: von den einzelnen Analysen (etwa Klassentheorie), der Methode und der Konstruktion der Totalität.

Beispielsweise kritisiert Horkheimer die Identifizierung der Kategorienentwicklung im Kapital mit historischen Phasen: „Es mag nun einem systematischen Interesse entsprechen und auch nicht ganz ohne Nutzen sein, die verschiedenen Arten der Abhängigkeit, der Ware, der Klasse, des Unternehmers und so fort, wie sie in den logischen und historischen Phasen der Theorie vorkommen, zu klassifizieren und nebeneinanderzustellen.“ „Die wesentliche Bezogenheit der Theorie auf die Zeit liegt jedoch nicht in der Entsprechung einzelner Teile der Konstruktion zu geschichtlichen Abschnitten, eine Lehre, in der Hegels Phänomenologie des Geistes und seine Logik ebenso wie das Kapital von Marx als Zeugnisse der gleichen Methode übereinstimmen […].“ (Traditionelle und kritische Theorie)

Anders als bei Althusser erfolgt diese kritische Marx-Lektüre bei Horkheimer ganz unprätentiös, ohne die große Geste einer radikalen Wendung gegen den bisherigen Marxismus. Das liegt möglicherweise auch daran, dass es in Deutschland einen durchaus stark antistalinistischen Marxismus gab, der gerade mit Lukács und Korsch verbunden war. Anders als im Frankreich der 1960er Jahre, wo der orthodoxe Marxismus (zu dem auch der Trotzkismus zurechnen) gegenüber antiautoritären Ansätzen wie der Situationistischen Internationale oder vereinzelten Rätekommunisten überaus dominant war.