Ein Familienfest, ein Konzert oder eine Clubnacht produzieren enorme Energien, man ‚lebt auf‘ und hat danach um etliches mehr Kraft als zuvor. Care-Arbeit ist nicht nur eine Dienstleistung mit den objektiven Effekten von Pflege und Gesundheit, sondern sie schließt ein aktives emotionales und soziales Engagement ein, das durch Wohlfühlen und Erholung Energie produziert.
Andererseits setzen auch Streite, private wie öffentliche, enorme antagonistische Energien frei, wie derzeit rund um den Nahostkonflikt. Der strukturelle Rassismus ermöglicht es Weißen, den Rassifizierten Energien zu entziehen, was jenen Selbstbewusstsein und Entschlossenheit gibt, diesen aber buchstäblich, wie Frantz Fanon beschreibt, die Kraft zu atmen nimmt. Während der Corona-Pandemie konnte der Zusammenhalt gegen die Katastrophe (die Pandemie) ungeahnte Energien an Solidarität und Fürsorge freisetzen.
Wie es Reichtum an physischen, nützlichen Gütern gibt, gibt es auch sinnlich-sozialen Reichtum, der ebenfalls eine materielle Substanz haben muss und wie die physischen Güter ständig produziert wird. Diese bezeichnet Hartmut Rosa als „soziale Energie“, was ich für einen extrem nützlichen Begriff halte. Produktion und Transport dieser Energie kann aber nicht durch den Fluss physischer Energie (Schall, Nahrung, Wärme etc.) erklärt, sondern muss eher in deren Inhalt, in physisch transportierten Symbole gesehen werden (wie genau ist zu klären).
In entfremdeten Verhältnissen wird soziale Energie in abstrakter Weise geäußert. Sie wendet sich gegen ihre Produzent*innen und beherrscht sie. Entsprechend wird der auch dieser sinnlich-soziale Reichtum etwa in rassistischen und klassistischen Ausbeutungsverhältnissen partikular angeeignet.
Erst mit solch einer materialistischen Theorie der Sinnlichkeit kann man verstehen, wie es überhaupt zu kulturellen Krisen kommen kann: privaten Krisen wie Burnout, Sinnlosigkeitserfahrung oder Familiengewalt, oder öffentliche Krisen wie Legitimationskrisen des Kapitalismus. Solche Krisen entstehen durch die entfremdete Reichtumszirkulation – nicht von Gütern, sondern von sozialer Energie. So kann man andererseits erst die faschistische Faszination verstehen, die affektive Aufladung des Nichts, mit der der kollektive Zusammenbruch überbrückt werden soll.
Emanzipation betrifft daher nicht nur die Güterverteilung, sondern ebenso die Aneignung des sinnlich-sozialen Reichtums, die freie Produktion sozialer Energie. Erst die ist das materialistisch formulierte volle Glück, das dem Utopismus immer nur imaginär bleibt. Darum wurde und wird dieser Reichtum zumal in den kulturrevolutionären Bewegungen erfahren: im „größten Fest des 19. Jahrhunderts“ (Guy Debord) – der Pariser Commune, ebenso wie im Surrealismus oder in der „Phantasie an die Macht“ des Mai 68, die jeweils zu ungeahnten kreativen Energien führten.